„Fahrt nach Hückeswagen zum Einkaufen!“


Großbaustelle: Die Bauarbeiten in der Unteren Straße schreiten voran

Man könnte glatt meinen, dass sich einige Wipperfürther sehnlichst den Tod ihrer Innenstadt herbeiwünschen. Dieser Eindruck entsteht zumindest, schaut man sich zahlreiche Beiträge der letzten Tage in diversen Facebook-Gruppen an. Ein Kommentar zum Gebaren der Wipperfürther Wutbürger, die sich selbst als „Kritiker“ bezeichnen.

Auf Facebook geht es oft hoch her – egal, zu welchem Thema. Im Schutze einer vermeintlichen Anonymität des Internets kann jeder, der sich dies von Angesicht zu Angesicht im Leben niemals trauen würde, mal so richtig vom Leder ziehen und seinen Emotionen freien Lauf lassen. In letzter Zeit sind es immer häufiger die oft zitierten „Wutbürger“, die ihren Überschuss an Tagesfreizeit dazu nutzen, in den sozialen Netzwerken wahlweise gegen „linksversiffte Gutmenschen“, die „etablierten Altparteien“ oder einfach gegen alles einzutreten, was in ihren Augen als „Skandal“, „Eklat“ oder „Produkt des verbrauchten Systems“ zu werten ist.

In den Facebook-Gruppen „Du weisst du bist Wipperfürther wenn…“ und „WippTalk“ geht es meist noch verhältnismäßig gesittet zu. Und doch ufern auch dort zahlreiche „Diskussionen“, die oft nur noch sehr rudimentär als solche bezeichnet werden können, in stumpfe Beleidigungen, unbewiesene Behauptungen und vorsätzliche Falschaussagen aus. Im Fokus steht dabei die Großbaustelle in der Wipperfürther Innenstadt. Wie kaum ein anderes Thema erhitzt das „Integrierte Handlungskonzept“ (InHK) und dessen Umsetzung die Gemüter. Vor allem der Einzelhandel klagt über erhebliche Probleme seit Beginn der Arbeiten, sorgt sich über die ausbleibende Kundschaft und prangert das Baustellenmanagement seitens der Verwaltung an.

Das wohlige Gefühl in der Magengegend, etwas „Gutes“ getan zu haben

Während überzeugte Lokalpatrioten gerade in derartig schwierigen Zeiten den örtlichen Einzelhandel und damit „ihre“ Stadt so gut es eben geht unterstützen würden, zeigt sich in den Wipperfürther Facebook-Gruppen ein gänzlich anderes Bild: Die Postings werden im Wesentlichen bestimmt von Beschwerden. Gründe dafür gibt es offenbar genug. Ob gesperrte Straßen, für Veranstaltungen gesperrte Parkplätze, zu viele leere Parkplätze, zu wenig Parkplätze, kostenloses Parken für Elektroautos, in Kauf zu nehmende Umwege, die Bauarbeiter, die Verwaltung, der Rat, der Bürgermeister: Das Repertoire der Unzufriedenen ist groß und die Liste ließe sich ewig fortführen. Hauptsache, man kann sich beschweren und genießt anschließend das wohlige Gefühl im Bereich der Magengegend, etwas „Gutes“ getan zu haben.

Denn tatsächlich wähnen sich selbsternannte „Kritiker“ mit sinnfreien Aufforderungen wie „Fahrt nach Hückeswagen zum Einkaufen!“ in dem geradezu törichten Glauben, sie würden der Stadt und ihrem Einzelhandel durch eine permanente Berieselung der Wipperfürther Facebook-Gemeinde mit vermeintlich skandalösen Aufdeckungen rund um die Durchführung der Bauarbeiten einen Gefallen tun. In der Realität erweisen sie ihrer Heimatstadt jedoch einen regelrechten Bärendienst. Schon längst haben die Bewohner der Nachbarkommunen und damit eine hohe Zahl an potentiellen Kunden des Wipperfürther Einzelhandels mitbekommen, dass sich das Einkaufen in der Hansestadt angeblich nicht mehr lohnt. Wer ständig liest und hört, dass das Parken in Wipperfürth nicht mehr möglich sei, man ständig im Stau stehe und zahllose Umwege nehmen müsse, kauft eben früher oder später nur noch im Heimatort oder anderswo.

Wer Widerworte gibt, ist „dumm“ oder ein „Systemschaf“

Wagt es mal jemand, den Sinn der systematischen und fast schon propagandistisch anmutenden Beschwerden durch die vermeintlichen „Kritiker“ in Frage zu stellen, wird man beleidigt, für „dumm“ oder zum „Systemschaf“ erklärt. Widerworte sind nicht gewollt. Wer anderer Meinung ist, hat es „nicht geschnallt“. So sind sachliche und zielorientierte Diskussionen in den Wipperfürther Facebook-Gruppen zum Thema InHK kaum noch möglich und deren Reichweite im hohen vierstelligen Bereich sorgt verlässlich dafür, dass auch die benachbarten Städte und Gemeinden mit der dort ansässigen Lokalpresse vom „Zank und Streit“ in Wipperfürth Wind bekommen.

Gerechtfertigte Kritik, die es im Rahmen der Umsetzung eines derartigen Großprojekts wie dem InHK immer gibt und zwangsläufig auch geben muss, direkt an die ausführende Baufirma oder an die Verwaltung heranzutragen, scheint für die Wipperfürther Facebook-Wutbürger also offenbar nicht gewinnbringend oder befriedigend zu sein. Bleibt nur die leise Hoffnung, dass die schweigende Mehrheit der Hansestädter den Scharfmachern während der restlichen Bauzeit kein Gehör mehr schenkt und man demnächst auch in unseren Nachbarkommunen wieder öfter vernehmen kann: Fahrt nach Wipperfürth zum Einkaufen!

Advertisements

2 Kommentare zu “„Fahrt nach Hückeswagen zum Einkaufen!“

  1. Danke! Ein Artikel, der genau das ausdrückt, was mich dazu bewogen hat, beide Gruppen zu verlassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s