Geschäftsschließungen und Leerstände: Blutet die Innenstadt immer mehr aus?

Überzogene Mietvorstellungen, leerstehende Ladenlokale und verwahrloste Häuserfassaden – die Wipperfürther Innenstadt ist längst nicht mehr das, was man als florierendes Einkaufszentrum bezeichnen würde. Viel mehr ist sie ein Paradebeispiel für das, was ehemals blühende Mittelstädte abseits der Agglomerationsräume in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten haben…

Steinbach, Silberstube, Backkönig, Spielzeugkiste, Maison Blanche – dies sind nur einige der Geschäfte in der Innenstadt, die in letzter Zeit aufgegeben haben oder in den kommenden Monaten schließen werden. Die Gründe für die Geschäftsaufgaben liegen dabei nur auffällig selten im persönlichen Bereich. Meist werden die oftmals völlig überzogenen Mietvorstellungen der Hauseigentümer sowie eine zu geringe Nachfrage als Problemstellungen angeführt. Da eine deutliche Mehrheit der Innenstadtläden mittlerweile eher den mittel- bis langfristigen Bedarf bedient, kommt es zudem zu geringeren Passantenfrequenzen und damit zu ausbleibenden Kundenströmen.

Insbesondere unter Ex-Bürgermeister Guido Forsting forcierte die Stadt über Jahre hinweg eine Neuansiedlung von Einzelhandelsbetrieben durch eine entsprechende Änderung von Bebauungsplänen. Ein fataler Fehler, wie sich nun schleichend herausstellt: Denn die Neuansiedlung von Discountern erfolgte nicht etwa im fußläufig erreichbaren Innenstadtgebiet, sondern ausschließlich in den Randgebieten. Die Folge: Viele potentielle Besucher der Innenstadt meiden nun das Zentrum, weil sie dort ohnehin keine Geschäfte des täglichen Bedarfs mehr zu erledigen haben – zumal das Parken und der Einkauf bei einem der mittlerweile zahlreich vorhandenen Discounter im Stadtgebiet sowieso schneller und preiswerter erscheint. Die Innenstadt verödet, immer mehr Geschäfte schließen. Zurück bleiben leere Schaufenster.

Wipperfürth ist nicht die einzige Stadt, die derartige Probleme plagen. Auf der gierigen Jagd nach neuen Einnahmequellen erlagen in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Mittelstädte der Versuchung, neues Bauland für Discounter und Fachmärkte fernab der Innenstädte bereitzustellen – mit dem Wissen, dass man mit dieser Entscheidung ein erhebliches Risiko für die Einzelhandelsstrukturen der Innenstadt eingeht. Der sogenannte „Trading-Down-Effekt“ beschreibt den Abstiegsprozess vieler ehemals pulsierender Einzelhandelszentren hin zu verödeten Anhäufungen von Leerständen, Spielhallen und Ein-Euro-Läden. Die sich daraus ergebende Unattraktivität bewirkt einen Imageverlust und setzt einen Kreislauf in Gang, der selbst mit gezielten Maßnahmen nur schwerlich gestoppt werden kann.

Doch auch die Hausbesitzer sorgen dafür, dass sich viele Einzelhändler vor einer Ansiedlung in der Innenstadt sträuben. Eine Neuvermietung von leerstehenden Ladenlokalen scheitert häufig an den Mietvorstellungen der Eigentümer, welche allzu oft fernab der Marktrealitäten zu verorten sind. Speziell in der Hochstraße erscheinen zudem zahlreiche Häuserfassaden komplett verwahrlost. Wie dort unlängst in einem nun abgerissenen Wohngebäude geschehen, sind notwendige Reparaturen teilweise über Jahre hinweg bewusst unterlassen worden. Dieses Vorgehen hat in der Regel das sowohl für Eigentümer als auch für Investoren gewinnbringende Ziel, die Gebäude abzureißen und durch moderne, dem historischen Ensemble der Innenstadt unangepasste Neubauten zu ersetzen. Auch hier hat es die Stadt jahrelang versäumt, ihre Möglichkeiten im Denkmalschutz auszuschöpfen.

Die Fehler der Vergangenheit sind nur schwierig zu beheben; ein ganzheitliches Einzelhandelskonzept, welches alle Akteure gleichermaßen einbezieht und in die Pflicht nimmt, fehlt. Solange sowohl die Stadt als auch die Hausbesitzer den Ernst der Lage nicht erkennen, wird die Wipperfürther Innenstadt so enden wie der hessische 25.000-Einwohner-Ort Pfungstadt: Auch dort sorgten Einzelhandelsstrukturen des täglichen Bedarfs außerhalb der Innenstadt und eine Ideenlosigkeit der Stadtobersten dafür, dass das Zentrum ausblutete. Nun ist der Stadtkern so gut wie tot. Spielhallen und Ein-Euro-Läden sind das Einzige, was den Pfungstädtern in ihrer einstmals recht ansehnlichen Innenstadt geblieben ist.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Geschäftsschließungen und Leerstände: Blutet die Innenstadt immer mehr aus?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s